Dauerausstellung im Wasserturm: Lüneburg um das Jahr 1700

LZ 07. Februar 2017

Dauerausstellung im Wasserturm: Lüneburg um das Jahr 1700
Lüneburg. Der Wasserturm steht bei Besuchern hoch im Kurs. Rund 90 000 kommen jedes Jahr, um einen Blick von der Aussichtsplattform über die Stadt zu werfen, Veranstaltungen oder die Dauerausstellung „Das blaue Gold“ zu besuchen. Letztere wird zurzeit deutlich erweitert. Dazu gehört auch ein Stadtmodell von Lüneburg um 1700, das per 3D-Druck erstellt wurde. Das letzte Teil, der Turm der Johanniskirche, wurde am Wochenende im Rahmen einer Aktion mit dem Verein FabLab gedruckt.


Sabine Wohlers, Geschäftsführerin des Trägervereins Wasserturm, und Wolfgang Graemer setzen die Kirchturmspitze auf das Modell der St.Johanniskirche, das im 3D-Druck erstellt wurde. Foto: phs


Modell im _Maßstab 1:320
Die Idee zu dem Stadtmodell um 1700 hatte der bekannte Lüneburger Lichtkünstler Wolfgang Graemer, der nicht nur in Sachen Beleuchtung immer wieder mit dem Wasserturm zusammengearbeitet hat, sondern auch die neue Ausstellungskonzeption unterstützt. „Die Stadtbefestigung war zu jener Zeit am weitesten ausgebaut“, sagt er mit Blick auf das Modell. Es zeigt den Roten Wall, der von der heutigen Roten Straße hin zum Mühlenviertel führte, wo heute die Ratswasserkunst ihren Standort hat, und von dort zog sich der Stadtwall weiter um die Stadt. Grae¬mer zeigt auf einen Stadtturm, der sich einst an der Stelle befand, wo 1907 dann der Wasserturm entstand. „Er war direkt an den Roten Wall gebaut, so dass man vom Wall direkt in die Ebene 2 des Turms gelangte und von dort auf die Galerie“, berichtet Sabine Wohlers, Geschäftsführerin des Trägervereins des Wasserturms. Ende der 1960er-Jahre sei dann der Rote Wall im Zuge des Baus der Nordlandhalle abgerissen worden, so Graemer.

Rund 300 Stunden Arbeit hat Graemer in das Stadtmodell investiert, das die Johanniskirche, die einstigen Stadttore des Altenbrückertors und Häuser im Maßstab 1:320 zeigt. 30 Zentimeter groß ist zum Beispiel das Modell der St. Johanniskirche, die real 107 Meter misst und damit fast doppelt so hoch ist wie der Wasserturm. „Transparent integriert, weil nach 1700 entstanden, wurden zum Beispiel das Gemeindehaus, die Pastorenhäuser, die es inzwischen nicht mehr gibt, sowie der Wasserturm und das Museum, um den Besuchern die Orientierung zu erleichtern“, sagt Graemer.

Unterstützung durch_den Verein FabLab
Für das Modell hat Graemer das Know-how und die Unterstützung des Vereins FabLab genutzt. FabLab steht für „Fabrication Laboratory“ und ist eine offene Werkstatt, in der Tüftler an ihren technischen Ideen arbeiten. Unter anderem sind sie Spezialisten für 3D-Druck. Bei Benjamin Koch und anderen Mitgliedern des Vereins konnten sich die Besucher am Wochenende informieren, wie die dreidimensionalen Gebäude des Stadtmodells entstanden sind. Dazu wurde zum Beispiel von der St. Johanniskirche eine Skizze auf den Computer übertragen. „Diese wird dann per Software in einzelne Layer (Ebene) zerschnitten. Mit einer weiteren Software werden dann die einzelnen Ebenen wieder schichtweise zusammengesetzt“, erläutert Benjamin Koch. Für den Aufbau wird PLA genutzt, ein biologisch abbaubarer Kunststoff, der über eine Düse geleitet wird, die dann die einzelnen Ebenen aufeinander setzt. Im Rahmen der Aktion konnten sich Interessierte darüber informieren, wie vielfältig 3D-Druck eingesetzt wird. So nutzen die Vereinsmitglieder dieses Verfahren auch, um mechanische Teile zum Beispiel für Küchengeräte nachzubauen, die sonst nicht mehr auf dem Markt zu erhalten sind.

Das Stadtmodell können Besucher erstmals bei der Ausstellungseröffnung am Freitag, 17. Februar, in Augenschein nehmen. „Dann wird es dazu ergänzend auch eine Übersicht mit Erläuterungen zu den einzelnen Gebäuden geben“, sagt Sabine Wohlers.

Von Antje Schäfer

LZ - 28. Juli 2017 - Ein Bummel durchs alte Lüneburg

Wolfgang Graemer steht an der Roten Straße. Auf seinem Laptop zeigt er eine Ansicht des Roten Tores, das dort einst stand. Der Lüneburger rekonstruiert mit einer Software alte Ansichten der Stadt. Foto: be

Lüneburg. Im Fahrstuhl ins alte Lüneburg, zurück in die Zeit um 1700, als die Stadt noch trutzig da lag, mit Wällen, Wehrtürmen und Toren. Es wäre eine andere Stadt als die, die wir kennen, in der auch Einheimische einen Moment bräuchten, um sich zu orientieren. Wolfgang Graemer lässt die alte Hansestadt im Computer auferstehen. Stück für Stück baut der Lüneburger an alten Ansichten. Sein Ziel: ein Stadtrundgang durch die Vergangenheit.

Graemer arbeitet als selbstständiger Lichtkünstler, er taucht Fassaden in ein besonderes Licht, in der Vergangenheit in Lüneburg zum Beispiel den Wasserturm und die Innenstadtkirchen. Seit langem beschäftigt er sich mit der Geschichte der Salzstadt. So entstand die Idee, beispielsweise den Bereich am Benedikt zu rekonstruieren.

„Die alten Feldsteine an der Mauer der Herberge dürften noch von der Stadtmauer stammen“, ist Graemer überzeugt. „Die Reste ziehen sich weiter hin zum Sülzwall.“ Dort, wo noch eine wilde Kleingartenanlage liegt, ist unter Erde und Sträuchern Mauerwerk zu finden. Mehrere Türme hätten dort gestanden, sagt ­Graemer. Das könne man auf alten Stichen sehen. Und eben die will er in seinem digitalen Bilderbuch wieder aufleben lassen.

Die Idee: Mit einer App für Handys und Tablets sollen Gäste und Einheimische aufbrechen zu einem Stadtrundgang. An 40 bis 70 Standorten, gekennzeichnet mit der alten Stadtmarke Mons-Pons-Fons, sollen sie dann auf ihren Displays das alte Lüneburg sehen, via Kopfhörer weitere Informationen abhören. Museen nutzen ähnliche Systeme als Audioguide.

Was Graemer in seiner Freizeit begonnen hat, ist ein ehrgeiziges Projekt und zeitintensiv. Er will die Stadtführung auf ein anderes Fundament stellen: Er sucht Sponsoren, die sein Vorhaben unterstützen. „Es gab erste Gespräche, und die waren erfolgversprechend.“ So wollen Lüneburger Geschäftsleute und Institutionen sein Vorhaben finanziell unterstützen. Und selbstverständlich will er Stadt und Stadtmarketing in sein Vorhaben einbinden.

Gemeinsam mit einem Partner arbeitet Graemer mit einer Software, die bei vergleichbaren Konzepten eingesetzt wird. Stück für Stück wächst so der lange verschwundene Springintgut-Turm, benannt nach einem Bürgermeister, der dort in einem Verlies verhungerte, auf dem Bildschirm empor. Aber auch das Altenbrücker Tor und die damals ganz anders geformte Stadtlandschaft kann der Betrachter aus verschiedenen Perspektiven mit den Augen durchwandern.

Als Vorbild dient erst einmal die Epoche um 1700: „Von dieser Zeit an gibt es Beschreibungen und Ansichten“, erzählt Graemer. Aber auch Adolf Brebbermann ist eine gute Quelle. Er galt in den 1980er-Jahren als „Chronist mit spitzer Feder“, der sich intensiv mit den Verteidigungsanlagen beschäftigt hat, seine Zeichnungen wirken fotografisch.

Neben den Archiven in der Stadt nutzt Graemer einen Schatz einer Bibliothek in Hannover: „Dort liegen mehr als 10 000 Seiten mit Ansichten Gebhardis. Sie werden gerade digitalisiert.“ Gebhardi war im 18. Jahrhundert Lehrer an der Ritterakademie und arbeitete zur Geschichte Lüneburgs und fertigte viele Ansichten an.

Graemer geht einen Schritt weiter. Natürlich kann mit der digitalen Grundlage auch eine spätere Zeit dokumentiert werden, etwa die Industrialisierung Lüneburgs im 19. Jahrhundert, als die Stadt wuchs und sie weite Teile ihrer Mauern schleifte. Auch die Jahre des Nationalsozialismus und der Aufbruch nach dem Zweiten Weltkrieg wären Themen. Er glaubt, weitere Partner für sein Projekt zu finden. So plant er für Oktober eine Informationsveranstaltung. Er ist optimistisch: „Im Laufe nächsten Jahres sind wir so weit.“

Von Carlo Eggeling